Tschernobyl

Natalija Bock, Kiew/Ukraine, Dresden/Deutschlan

An diese Zeit vor 35 Jahren in Kiew kann ich mich noch ziemlich gut erinnern. Ich war 12 Jahre alt. Es gab keine offizielle Meldung, dass in Tschernobyl ein Unfall passiert ist. Nein, es gab Gerüchte unter den Menschen und irgendwann wussten wir alle: Da ist was in der Luft, was wir nicht sehen können, aber es ist super gefährlich. Wir mussten die Fenster in der Wohnung geschlossen halten, meine Mama gab mir und meinen beiden Geschwistern eine Jodlösung täglich zum Trinken und sie und ich haben unsere Wohnung ständig gewischt. Papa brachte irgendwann einen Geigerzähler (eine Rarität damals!) nach Hause, und wir haben immer und überall die Strahlung gemessen. Meine Geschwister waren noch im Kindergartenalter, also wurde meine Mama auf Arbeit freigestellt und konnte Anfang Mai mit den beiden zu unseren Verwandten nach Winnyzja (südwestlich von Kiew) mit dem Zug fahren. Die Zustände auf dem Hauptbahnhof von Kiew waren unbeschreiblich. Es gab keine Fahrkarten mehr, weil bereits Panik ausgebrochen ist, die Menschen haben geschrien und versuchten, einen noch so kleinen Platz im Waggon einzunehmen, um die Stadt zu verlassen. Überall war Angst zu spüren.

Ich wurde zusammen mit der Schule meiner Tante, mit meinem Cousin und Cousine in ein Pionierlager nahe Lviv (Lemberg) evakuiert und blieb dort bis Juli. Für uns Kinder war die Zeit dort schön, weil auch die Einheimischen uns sehr lieb aufgenommen haben. Ich weiß aber auch, dass die Kinder geweint haben und Briefe an die Eltern nach Kiew geschrieben haben und keiner wusste, wann wir wieder nach Hause zurück können. Ich hatte sogar ein Privileg, einige Male nach Hause zu telefonieren und meine Eltern zu hören. Und Papa erzählte, dass Kiew eine Geisterstadt sei und sich dort nur Männer aufhalten und dass ständig und überall die Straßen gewaschen werden. Im August gelang es meinen Eltern, einen Urlaub in Sotschi für uns alle zu organisieren. Und im September 1986 ging ich in Kiew wieder in die Schule.

Tschernobyl hat mein Leben wie kein anderes Ereignis beeinflusst und verändert: On das die Bekanntschaft mit einer ganz lieben Familie aus München war, die uns in den schwersten Zeiten, wo es in Kiew nichts gab, unterstützt hat, oder meine aktive Teilnahme an den Hilfstransporten des Vereins aus Dresden «Ein Herz für Kinder von Tschernobyl» in meinen Studentenzeiten und daher die Bekanntschaft mit meinem deutschen Ehemann und schließlich Umzug nach Dresden, oder die Bekanntschaft mit den Menschen aus Tschernobyl und ihre traurigen Leidensgeschichten und ihr Kampf ums Überleben, oder die schreckliche Reihe an Krankheiten meines Vaters, die ich definitiv Tschernobyl zuschreibe und vieles mehr.

Das alles hat mich zu dem Menschen gemacht, der ich bin und mich für immer geprägt. Nichts ist selbstverständlich auf dieser Welt, morgen kann wieder alles anders kommen, aber alles ist halb so schlimm, wenn man einen oder einige Menschen hat, die einem in den schwersten Zeiten die helfende Hand hinhalten und man weiß, dass man sich auf diese stützen kann. Bleibt alle gesund und Gott bewahre uns, unsere Kinder und weitere Generationen vor solchen oder ähnlich schrecklichen Tragödien.

Wir möchten in diesen Tagen mit Gedanken von Deutschen und Belarusen an 35 Jahre Tschernobyl und wie es in unsere Gegenwart wirkt, erinnern. Wenn auch Sie sich daran beteiligen möchten, schicken Sie Ihren Text und Ihr Foto an: heike@eckoldt.de​. Vielen Dank.

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