Tschernobyl

Tschernobyl und Corona:
Gedanken zum 26. April 2020

Fast die ganze Welt steht still wegen Corona – und bei Tschernobyl brennt der Wald. Zwei Ereignisse, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben. Duplizität der Ereignisse. Immer wieder gibt es sie in der Geschichte. Eine der jüngsten Duplizität fällt auf den 9. November. 1938 war es der Tag der Reichspogromnacht, die der Auftakt zur unsäglichen Jagd auf Juden wurde. 51 Jahre später fiel am Abend des 9. November die Mauer in Deutschland.

Der 26. April 1986 hat all seine Tages-Geschwister hinter sich gelassen. Er steht über ihnen mit seinem von Tränen bleichen Gesicht, mit seinen zum Himmel erhobenen und flehenden Händen, seinem geschundenen Körper und der verletzten und zerrissenen Seele. Verzweifelt und verlassen. Dieser 26. April 1986 hat mit Tschernobyl der Welt die Unschuld genommen. Nun trifft dieser 26. April auf eine andere Katastrophe, die Corona-Krise. Vor 34 Jahren wurde lange verschwiegen, abgeschwächt, war es die Katastrophe der anderen, bis wir merkten, es gibt auf dieser Welt keine geteilten, fernen Katastrophen. Wir mögen es, wenn wir sie ans andere Ende der Welt verschieben können und in unser kuschliges Zuhause zurückkehren können. Doch wir leben auf keiner Insel, auch wenn sie noch so kuschlig scheint.

Belarus scheint sich jetzt auf solch eine Halbinsel mit Teil-Sicherheitsmaßnahmen zurückgezogen zu haben. Es wird Fußball gespielt vor vollen Rängen begeisterter Fans. Es wurden zum orthodoxen Ostern die Ikonen geküsst, obwohl selbst Kirchenobere darum baten, nicht zum Oster-Gottesdienst zu kommen. Die Leute drängen sich immer noch oft in Bussen und Geschäften und versuchen doch, so gut es geht Abstand zu halten. Viele ziehen sich zurück, meiden die Öffentlichkeit, wann immer es geht, machen sich Gedanken und Sorgen. Immer mehr tragen selbstgenähte Masken, weil es wie anderen Landes nicht genug zu kaufen gibt. Es ist ihr Versuch, das zu tun, was ihr Staat ihnen nicht abverlangt oder sie nicht von ihm bekommen. Zwar sieht man Bilder der leeren Sehenswürdigkeiten, Kaufhäuser und Kulturstätten. Doch es ist weitgehend die Entscheidung der Menschen, sie zu meiden. Es gibt kein offizielles Verbot. Es erinnert an „rette sich wer kann“.

Es sind auch in Belarus spontan viele Hilfegruppen entstanden. Cafes versorgen Ärzte mit warmer Verpflegung, Hotels nehmen Ärzte auf, die um das Risiko zu verringern nicht mehr nach ihrem Dienst nach Hause gehen. Firmen, Unternehmern und Private spenden auf das Konto des Gesundheitsministeriums für Masken, Beatmungsgeräte und Schutzkleidung. Hilfe wächst aus Menschen. Manche Hilfe wird gefordert, manche wird verordnet. Dem, dem sie hilft, ist das zunächst egal. Wenn aus Hilfe Zusammenarbeit wird, verschwindet der Unterschied zwischen Helfer und Geholfenem, können sie sich in die Augen schauen.

Gras und Wald bei Tschernobyl brennen und treiben die Radioaktivität in die Höhe. Die internationale Ärzteorganisation zur Verhinderung eines Atomkriegs (IPPNW) warnt vor einer Verharmlosung der Lage. Wie sich die Situation wiederholt… Es gebe radioaktive Wolken über der Ukraine, die der Wind im ungünstigsten Fall auch weiter in Richtung Europa treiben könnte. Stark verdünnte Rauchschwaden hätten bereits einige Teile Europas erreicht. Messungen hätten einen Anstieg bei den Cäsium-137-Werten gezeigt, so die IPPNW. Die Strahlenwerte seien zwar zurzeit keine relevante Gefahr für die Bevölkerung, aber das kann sich ändern. Die Kiewer lebten bereits in der Welt mit der weltweit gefährlichsten Luftqualität.

Und wir sitzen zuhause. Notgedrungen und vernünftig. Und lassen wieder die Katastrophen draußen vorbeiziehen? So lange bis wir einen Todesfall in der Familie haben?

Vor einigen Tagen habe ich mir einen Film über Tschernobyl angeschaut. Er erzählt die Geschichte eines jungen Mädchens, dessen Vater als Flieger über das geborstene Atomkraftwerk fliegt und abstürzt. Das Mädchen verliebt sich in den Jungen, den der Vater vor seinem Tod zu seiner Tochter schickte. Beide schlagen sich durch die Wälder, durch das menschenleere Pripjat. Sie leben ihre erste Liebe, wo jämmerlich gestorben wird. Am Ende stirbt der junge Mann und sie bekommt ein Kind von ihm, das später auch ohne die Mutter aufwachsen muss.

Jetzt habe ich auch endlich das Buch „Der Abwesenheitscode“ von Valentin Akudowitsch gelesen. Es trägt den Untertitel „Versuch, Weißrussland zu verstehen.“ Gut, es wäre besser, es stände da Belarus. Aber abgesehen davon hilft es wirklich, das Land und die Menschen zu verstehen. Ohne den Film und ohne das Buch wäre es einfacher, mal wieder zu verurteilen, was in Belarus geschieht.

Tschernobyl vor 34 Jahren und Corona heute: Die Welt hat sich verändert. Sie ist kleiner geworden. Hätte es 1986 die kommunikativen Möglichkeiten wie heute gegeben – ja was wäre dann gewesen? Eine Antwort darauf zu suchen, ist mühselig. Die Vergangenheit können wir nicht mehr ändern. Damals wurde verschwiegen, hinausgezögert, abgeschwächt, ignoriert, unterdrückt. Das scheint aus dem Verstand der Menschheit gelöscht. Jetzt fühlen sich nicht nur in Belarus einige an damals erinnert. Doch während wir damals im System eingebunden und gefangen und ihm damit ausgeliefert waren, ist die Welt heute größer und kleiner zugleich geworden.

Während das reiche Deutschland jetzt die durch gutes Wirtschaften gefüllten Notkassen leeren kann, wäre ein Herunterfahren des gesamten Lebens für Belarus eine viel größere Katastrophe als man glaubt, dass es Corona werden könnte. Was wenn es wirklich so kommt? Dann wird die Rechnung nicht nur mit der früher bereits angeschlagenen Wirtschaft bezahlt, sondern vor allem mit Menschenleben. Das macht diese Rechnung unbezahlbar. Für jeden Einzelnen, jedes Land, die Welt.

Doch wie lange werden wir den Stillstand und das Leeren der Kassen aushalten können? Es ist nicht unsere erste Katastrophe, die Welt hat schon viele erlebt. Doch immer waren sie im Verhältnis zu jetzt begrenzt. Regional. Auch wenn die Regionen immer größer wurden, Länder- und kontinentale Grenzen überschritten. Tschernobyl hat viele Grenzen überschritten. Zwischen Ländern, zwischen Überzeugungen, zwischen davor und danach. Fukushima schließlich überschritt auch die Grenze des Wiederholbaren, die vorher als unüberschreitbar galt.

Werden das europäische Tschernobyl und das japanische Fukushima jetzt den Wettlauf mit dem weltweiten Corona verlieren? Werden die Opfer der atomaren Expansion zum zweiten Mal verlieren? Bisherige Katastrophen waren egal wie groß immer noch klein genug, dass es genug andere gab, die helfen konnten. Dass es immer zu wenige taten, steht auf einem anderen Blatt. Jetzt sind wir auf einmal alle so mit uns beschäftigt. Wir trotzen auf Teufel komm raus dem verordneten Stillstand große Leistungen für unsere Entwicklung ab. Wir gehen alle gemeinsam in die Knie. Wer wird wem beim Aufstehen helfen? Wird der, der aufgestanden ist, wieder seine Situation dafür nutzen, um andere erneut in die Knie zu zwingen?

Ich erinnere mich an den Herbst 2002. Es war nur kurz nach dem als Jahrhundertflut in die Geschichte eingegangenen Hochwasser von Elbe und Müglitz in der Sächsischen Schweiz und dem Osterzgebirge. Wir hatten Besuch aus Belarus. Der sagte beim Anblick der Straßen und Städte: Man sieht doch gar nichts mehr. Wir mit unseren deutschen Augen hatten nur gesehen, was alles noch nicht wieder in Ordnung war. Nach nicht einmal drei Monaten. Das machte mir klar, wie komfortabel wir hier in der Mitte Europas leben. Eine Katastrophe im Osten, eine Hungersnot im Süden, schmelzendes Eis im Norden, was kann uns das schon anhaben. Wir wähnten uns auf unserer ewigen Insel der Glückseligkeit, die doch schon am Untergehen war.

Ein paar Monate sind für die Zeitrechnungen in Tschernobyl, Fukushima und Corona ein Augenblick. Ein Augenblick mit Folgen. Mit Folgen, die wir nicht mit noch so viel Geld in den Griff bekommen. Geld hilft und wenn es nicht hilft, schadet es auch nicht. Doch irgendwann ist die Macht des Geldes am Ende. Wir müssen uns nicht nur um die Körper, sondern auch um die Seelen kümmern.

Manchmal scheint es zu viel auf einmal, was passiert. Die unsichtbare Strahlung ist auf einen unsichtbaren Virus getroffen und beide zeigen der Menschheit ihre Probleme.

Tschernobyl ist gestern passiert und morgen noch lange nicht vorbei. Corona verändert gerade das Heute und wird das Morgen prägen. Mit jedem Tag, der vergeht, verändern das einst gepriesene friedliche Atom und der Virus uns alle noch mehr. Es geht nicht darum, was schlimmer ist, was mehr Menschen das Leben nimmt. Wem werden mehr negative Superlative zugeschrieben. Wer gewinnt den Kampf um die katastrophalste Katastrophe. Das ist ein Kampf, den wir alle nur gemeinsam verlieren können.

Das wäre ein Horrorszenario. Für das gebe ich mich und diese Zeilen nicht her. Ich hätte sie nicht geschrieben, wenn ich nicht einen Funken Glauben hätte. Einer, der vielleicht keine Berge versetzt, der aber an dem einen Ufer steht und dessen Hände bis ans andere reichen. Ich habe zwei Sprüche. „Alles hat seine Zeit“ und „Alles wird gut“. Weil alles seine Zeit hat, ist jetzt die vorbei, die zwischen uns steht. Und alles wird gut, es braucht uns nur diesmal wohl noch etwas mehr und länger.

„Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen“, soll Luther gesagt haben. Egal, wer es gesagt oder nicht gesagt hat, ich pflanze am 26. April einen Ginkgobaum.

Heike Sabel

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